10. August 2013

Selbstbestimmung in Deutschlands Kantinen durch Veggietag gefährdet?



Tatjana Višak

Ein Gastkommentar von Dr. Tatjana Višak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Philosophischen Instituts der Universität des Saarlandes.

Kritiker, wie der Sprecher des CSU geführten Verbraucherschutzministeriums, lehnen den Vorschlag der Grünen, in öffentlichen Kantinen einen Veggie Day (auch Veggietag) einzuführen, als Bevormundung ab. Die Regierung solle den Leuten nicht vorschreiben, was sie wann zu essen haben. Nun wollen die Grünen den Fleischkonsum ja nicht verbieten, sondern nur zum Verzehr von weniger Fleisch ermuntern. Angenommen, der Vorschlag der Grünen wäre tatsächlich Bevormundung, wäre er deshalb schlecht?

Die bekannteste philosophische Äußerung zum Wert der Selbstbestimmung stammt von einem der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts: dem englischen Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill (1806 – 1873). Er verfasste „On Liberty“, das wohl bekannteste Plädoyer gegen die Bevormundung des Staates, dessen Schlussfolgerung lautet: Der Staat soll die Selbstbestimmung der Bürger auch dann nicht einschränken, wenn sie etwas Unkluges tun und damit sich selbst und ihre Gesundheit in Gefahr bringen.
Doch sogar Mill sagt ganz klar, dass die individuelle Selbstbestimmung da aufhört, wo man mit seinem Verhalten anderen schadet. Diese Grenze der Selbstbestimmung ist allgemein akzeptiert und macht auch Sinn. Ich darf zum Beispiel meinem Nachbarn nicht den Kopf einschlagen oder meinen Giftmüll im Park deponieren. Mill’s sogenanntes Schadensprinzip greift den Grünen zufolge beim heutigen Fleischkonsum. Stichworte sind hier Klima und Tierschutz.
Wichtiger als Selbstbestimmung war für Mill jedoch das allgemeine Wohlergehen. Selbstbestimmung war Mill zufolge gar kein Ziel an sich, sondern nur ein Mittel zum Zweck. Nun scheinen unbegrenzte Möglichkeiten nicht immer zum allgemeinen oder eigenen Wohlergehen beizutragen. Die frei gewählte Ernährungsweise scheint für viele desaströse Folgen zu haben und kann zu  Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs führen. Wenn unbegrenzte Möglichkeiten dem allgemeinen Wohlergehen nicht zuträglich sind, dann verlieren sie ihren Wert. Selbstbestimmung im Sinne Mill’s scheint dem Veggietag, selbst wenn er gänzlich fleischlos ausgerichtet wäre, also nicht im Weg zu stehen.

Bei dem von den Grünen vorgeschlagenen Veggietag geht es also in erster Linie um allgemeines Wohlergehen: Klima und Tierschutz. Daher sollte der Akzent nicht auf „fleischlos“ liegen. Wenn man lediglich Fleisch durch Käse ersetzt, so hilft das weder im Hinblick auf das Klima noch im Hinblick auf Tierschutz. Methan wird bekanntlich vor allem von Kühen ausgestoßen und Tierleid ist auch in der Milchproduktion gegeben. Der Veggietag sollte konsequenterweise vegan sein.

Der Veggie Day erregt die Gemüter. So Mancher fühlt sich persönlich bedroht und schimpft über Bevormundung. Gelänge es, diese emotionale Reaktion einmal ruhen zu lassen, die Argumente sachlich zu prüfen und aufgrund davon zu handeln, dann wäre das der Selbstbestimmung zuträglich.